waldorf world

obwohl ich noch wackelig und sehr langsam auf den beinen war und bin, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, am wochenende zum schenken-seminar zu gehen, das ich selbst mitorganisiert habe. besonders auf den samstag habe ich mich schon lange gefreut. denn der samstag, der erste tag des dreiteiligen seminars, sollte am institut für waldorfpädagogik auf dem annener berg statt finden. schon als ich diesen ort vor gut zwei jahren kennen lernte, hat er eine unglaubliche faszination auf mich ausgeübt. es ist ein verwunschener ort, am rande wittens, wie ein vergessenes märchenschloss umgeben von einem wunderschönen schlossgarten. da zwitschert es wie verrückt, große waldameisen tummeln sich, frösche quaken, blätter rascheln, gesundes gemüse wächst und die schönsten blumen blühen. und dann, inmitten des geländes liegt da ein teich. es juckte mich schon lange unter den fingern, mal einen blick hinein, in die „lehre“ zu werfen. und dann war ich wie beseelt. eine dozentin, die viel als klassenlehrerin gearbeitet hat, sprach von aufmerksamkeit, von schenken, von ihren schulkindern, die sie sich jeden abend vor augen führt, von den übungen, ein kind ganz ausführlich in erscheinung treten zu lassen und sie sprach ganz unspektakulär von liebe. da reden alle immer „gibt es liebe?“, „was soll das denn sein?“, „ich glaube ja nicht, dass es liebe gibt“, und diese frau weiß es einfach und erzählt es uns. am waldorf institut gibt es kein zweifeln darüber, ob es echtes schenken, uneigennütziges handeln, altruismus, liebe gibt. es gibt sie, denn es wird ganz viel geschenkt, da wir menschen sind und ganz viel schenken können. am institut wird nicht aus dem mangel gedacht, sondern aus der fülle. es ist so schön dort, da wir menschen sind, die ihren orten schönheit schenken können.

ich musste schon nach dem mittagessen nach hause gehen, da ich zu erschöpft für den nachmittag und abend war. ich schlief erst einmal zwei, drei stunden. unruhig, bilder schwirrten durch meine gedanken. ich dachte, könnte das nicht ein ort für mich sein? wäre das nicht heilsam für mich? hätte ich dort nicht einfach die gemeinschaft, die ich mir an der uni mühsam zusammen sammeln muss?

schon seit einigen jahren kommt immer wieder der gedanke „klassenlehrerin“ in mir hoch. das wäre ein beruf, da könnte ich meine ganze kreativitäts-lust auslassen, auf so vielen ebenen agieren, frei gestalten, welche themen ich behandeln möchte, welches märchen, welches tier, welchen beruf, welche sage, welche geschichte, ob wir raus in den wald gehen und bäume bestimmen oder ob wir drinnen weihnachtssterne basteln. seit dem auch ein „streit“-thema mit meiner mutter. aber ich bin ihr gar nicht böse – sie hat ja recht. es gibt auch einiges, was mich auch immer wieder abhält, in die waldorf world einzutauchen. will ich überhaupt so tief einer gemeinschaft angehören oder gefällt mir nicht doch das „mal hier, mal da“ nicht besser? kann ich überhaupt eine „lehre“ akzeptieren? für diese verhältnisse wurde sicher das wort ambivalent erschaffen.

Freya Lintz

Freya Lintz

24 jahre, studentin, witten.

kontakt: freya.lintz@omnibus.org
Freya Lintz

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waldorf world
18. Mai 2017 | 21:55