Ando

Über die Zeit hier habe ich mich immer mal wieder auf die Spur eines meiner Lieblingsarchitekten – Tadao Ando – begeben. Stets begleitet hat mich dabei der Gedanke an meinen lieben Freund im Omnibus und es erscheint mir rückblickend auch so selbstverständlich, dass wir bei diesem Künstler eine frühe Gemeinsamkeit gefunden haben.

Gefunden hatten wir sie bei einem unbekümmerten Spaziergang entlang der Nordsee hin zu einem offensichtlich vom 4×4 house inspirierten Haus. Die beste Art unser Warten auf die Überfahrt nach Sylt von Dänemark aus zu überbrücken. Schnell haben wir erkannt, dass in diesem Fall der Meister nicht selbst Hand angelegt hatte und ich habe den Verdacht, dass sich das zu einem noch größeren ironischen Schmunzeln ausweiten wird, wenn ich vor dem Original stehen werde. Bis jetzt ist mir das noch nicht gelungen.

Wenn man durch Tokyo läuft, dann wird man aber ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit in eine Begegnung mit ihm geworfen und dieses Wechselspiel – wer findet wen – genieße ich sehr.

Vor ein paar Monaten war ich in Osaka, dort wo alles angefangen hat für Ando. Osaka wiederum liegt in „Kansai“, dem Westen Japans, der im Vergleich zu „Kanto“, dem Osten bzw. der Region rund um Tokyo, als deutlich extrovertierter und temperamentvoller gilt. Hier sprechen einen die Leute viel schneller an, von hier kommen fast alle Komiker, viele Schauspieler und Künstler. Kobe, Osaka und Kyoto sind der schöne Dreiklang in diesem Teil Japans und liegen nicht mal eine Stunde auseinander, erblühen aber in ganz deutlichen Eigenheiten.
Innerhalb dieses Dreiklangs ist Osaka die industrielle Stadt und hatte im Zuge der rasanten Modernisierung ab dem späten 19. Jahrhundert auch sehr schnell den Spitznamen Manchester verpasst bekommen. Armadas an Touristen murmeln regelmäßig ein bisschen erstaunt, es gebe “nicht wirklich was zu sehen“. Da war es für mich nur stimmig, dass sich für mich in den Vorstädten, die früher ausschließlich, und heute überwiegend von der Arbeiterklasse bewohnt sind, die schönsten Erlebnisse ergeben haben. Und ebenso, dass mich die Spur zu einem der ersten Werke von Meister Ando hierhin geführt hat…

住吉の長屋 [sumiyoshi no nagaya] – das Row House in Sumiyoshi. Ich empfehle jedem,  mal kurz nachzugoogeln… – und halt, wenn ihr zu den glücklichen zählt, die noch gar nichts darüber wissen, und auch keine Idee davon haben, wie es im Inneren aussieht, die seien eingeladen sich auszumalen, wie es denn aussehen könnte! Ach und die die es wissen natürlich auch..!)
Ein anderer Name ist Azuma House (東邸, azumatei)
Noch ein Blick von der Rückseite, die man nur von einem Hof erspähen kann:
Und noch ein paar Eindrücken von der näheren Umgebung, inklusive dieser wohnungsbaulichen Verzweiflungstat gleich in der nächsten Straße, der Kontrast spricht Bände…

Und diese Ader in Richtung Stadt für eine kleine Straßenbahn, auch einen Steinwurf entfernt:

Ando

Sprung ins Erfrischende

Nachdem ich mich immer wieder (geht’s den anderen Schreiberlingen auch so? ) ganz hilflos hab paralysieren lassen wenn ich hier einen neuen Beitrag angefangen habe, Abschnitte verschiedenster Länge bereits getippt waren, be-schweißt (in Tokyo ist nach der kürzesten Regenzeit vielleicht überhaupt seit Aufzeichnung, nämlich nur 1 Woche, eine brütende Schwüle ausgebreitet), blitzartig Sätze reinzuckten und dann wieder das Hadern begann, bis hin dann zum großen Scheinschlusstrost, dem Abspeichern als Entwurf (und da versauert jetzt bereits eine Menge) , habe ich jetzt entschieden einfach wieder ins Nass zu springen. Das setzt bei mir (bestimmt auch getrieben von dem Gespräch mit dem Wetter und der näheren Atmosphäre) diese unzähligen Erinnerungen frei, banal aber konkret, gefühlt abstrakt genauso wie schön und weit, an unzählige Sprünge ins Wasser, von Beckenrändern, Wasserfällen, Meeresstränden.
Nach einem Zögern aus Ungemütlichkeit, Grundlos oder Angst,  der Sprung und platsch, alles vorherige löst sich auf und ich gebe mich der Ursprünglichkeit des Elements hin.

Und die Ursprünglichkeit der Zeilen hier war eigentlich zuerst zu verbinden, einzuladen zu Eindrücken und Assoziationen auf anderen Ebenen und ich verliere wieder zu viele Worte um diese eigentlich sonnenklare Idee auszudrücken. Weg mit der Illusion von „erschöpfenden Berichten“, dafür sind mir die Gespräche und Wiedersehen auch viel zu kostbar, auf die ich mich schon sehr freue.

Deswegen versuche ich bewusst in den nächsten Wochen einfach ein paar knappe Rufe dazulassen die ich analog sowieso immer wieder gerne aufgreifen möchte und kann dadurch für mich vielleicht in den letzten Monaten hier das Geschehene der vergangenen Zeit in neuer Art Revue passieren lassen.
Zum Abschluss ein Bilderrätsel bzw. ein Hinweis auf Kommendes:

Und jetzt begebe ich mich super erfrischt mit der Maus hin zum Button. Klick.
またね。

Sprung ins Erfrischende

ordnung und flexibel

immer ich mit meiner ordnung… wer aber mein zimmer kennt weiß, dass ich nicht zwanghaft bin…

darüber habe ich gestern nachgedacht, als ich mir am klavier die akkorde zu meinen lieblings liedern zusammengesucht habe: die töne ergeben sich ja durch schwingungen, die ganz einfach in der natur vorkommen. diese schwingungen stehen zueinander in symmetrischen verhältnissen – fast! reine töne sind nicht ganz exakt in ihren zahlenverhältnissen, da musste erst johann sebastian bach kommen und die sache gerade biegen. ich sprang vom klavier auf – war das die formel des lebens? ordnung und flexibel? am wochenende bei einem vortrag über rhythmus hatte ich nämlich etwas ähnliches gehört: das herz soll rhythmisch schlagen, wenn es das nicht tut, ist es sehr sehr ernst. wenn es aber ganz gerade gleichmäßig schlägt, dann ist es ebenso gefährlich und tödlich. die lebendigkeit braucht diese leichte abweichung von der norm.

wir lebewesen orientieren uns an ordnungen, aber lebendig sind wir nur, wenn wir flexibel sind und immer wieder von der ordnung abweichen.

ordnung und flexibel

40 Millionen Sekunden

Aus verschiedenen Gründen meide ich für gewöhnlich Rolltreppen und Aufzüge, erst recht wenn es immer noch (penibler Brandschutz sei dank?) so gut wie immer die klassische Alternative gibt. In Tokyo hat sich mein Blickfeld auf diese Dinge ab und zu von „Komfort“ zu „(logistische) Notwendigkeit“ verschoben (mal ganz abgesehen davon, dass ich durch physische Zwänge diesen Schwenk jederzeit und in Zukunft hätte erfahren können).

Stock 1-3 von 13 meines Fakultätsgebäudes in der Uni

Wenn ich in dieser Zeit in einen oft gut gefüllten Fahrstuhl steige, habe ich immer wieder beobachtet, dass vorne am rechten Rand unseres Quaders ein Passagier, den die menschliche Diffusion an diese Rolle getragen hat, flexibel die Rolle des Fahrstuhljungen übernimmt und aufmerksam-intuitiv die Tür schließen / Tür offen halten -Schalter betätigt. Oder, dass in einem zig-geschossigen-Gebäude ein einzelner Insasse der zum Beispiel von ganz oben kommt bei Aussteigen nach Öffnen der Türe* bereits den Tür-schließen-Knopf drückt (wenn draußen niemand steht) um die „Weiterfahrt“ nach ganz unten, wo bereits Leute warten, nicht zu verzögern. Es sind Sekunden die so gespart werden, wofür ich in meinem gegenwärtigen persönlichen Rhythmus zum Glück keinen Bedarf habe, und die mir zuerst als völlig überzogen und als Sinnbild für schlechten Stress und Zeitdruck dienten.
Aber dann kam mir, hier selbstverständlich, wieder die Scale einer solchen Geste in den Sinn. Es sind 40 Millionen Leute die das machen, also 40 Millionen Sekunden in dieser Stadt, 463 Tage oder X anderer Einheiten von Zeit, die uns alle irgendwie verbindet.
Wohin geht sie?

_____________
*das „e“ an dieser Stelle ist bereits als Schwäbisch erkannt und weiter als bewusstes Stilmittel eingesetzt…

40 Millionen Sekunden

Das hier ist Mut.

Mir passiert das immer mal wieder, dass sich mir ein Wort oder Konzept im Kopf festsetzt und ich das dann tagelang, zum Glück meist neugierig, manchmal aber auch verbissen, mit mir im Kopf herumtrage, und darüber sinniere. In letzter Zeit ist das „Mut“.
Was in so einer Nachdenklichkeit rauskommt sind oft genug Fetzen, Anfänge, oder eben Erinnerungen. Hier jetzt das Letztere:

Bald ist wieder Abizeit und im Zusammenhang mit dem Thema Mut habe ich vor Jahren eine kleine Geschichte gehört, (keine Ahnung ob, und inwiefern sie wahr ist, das ist auch nur bedingt relevant) die mich immer noch fesselt und begeistert.
Im Fach Deutsch werden in Ba-Wü im Abitur die letzten Jahre 5 Aufgaben/Fragen gestellt, meine ich, von denen eine in jeweils ca. 4 Stunden zu beantworten, bzw. „bearbeiten“ ist. Die ersten vier drehen sich irgendwie über eine der Themen oder „Disziplinen“, die man die vergangenen Jahre in Vorbereitung auf diese schriftliche Prüfung durchegekaut hat: Vergleichende Interpretation von Auszügen aus Sternchenlektüren, Gedichtinterpretation, Texterörterung, u.a.
Die letzte Aufgabe die man wählen kann ist ein freier Essay zu einem Thema oder Wort. Wieder aus der freien Erinnerung, hieß meine Frage vielleicht in etwa so:

Was ist Sehnsucht? Beantworten Sie diese Frage in einem Essay.

In den vorherigen Jahrgängen war einmal die Frage, was Mut sei. Und anscheinend hat jemand seinen – vielleicht spitzen – Stift genommen, folgendes geschrieben

Das hier ist Mut.

und das Ganze, mitsamt weiterer leerer Papierbögen, abgegeben.

Der Erstkorrektor vergab 0 Punkte, der Zweitkorrektor 15 Punkte (Bestnote) und der bei großen Diskrepanzen nötige Drittkorrektor entschied wieder für die 0.

Herbst oder Frühling? (Datum der Aufnahme: 13.11.2017)
Das hier ist Mut.

Die Stadt vor meinen Füßen

Ich wohne nun seit fünf Monaten in Lyon. Nun kommt mir die Frage auf, wann ich die Stadt wirklich kenne;
Wenn ich jemanden auf dem Markt für einen kleinen Plausch treffe? Wenn ich drei mal nacheinander jemandem den Weg erklären kann? Wenn ich einmal durch alle Cafés gehopst bin?
Letztlich kam das Gefühl auf, als ich jemandem mal wieder begegnet bin, ohne ihn zu sehen.

Ein Künstler namens EMEMEM hat es sich zur Aufgabe gemacht die Schlaglöcher der Stadt zu verfliesen. Er heilt die Stadt mit seiner Kunst und agiert mit farbenfroher Zuneigung zu dieser Stadt.  Seine Werke bereichern mich um ein Lächeln, wenn im ihnen im Alltag begegne. Und das anstatt eines unsanften Hopser mit irgendeinem Fortbewegungsmittel durch ein Schlagloch. Die Idee dieses Mannes schlägt ein.

Und als ich einem Altansässigen dieser Stadt auf dem Weg zum Supermarkt dieses Phänomen erklären konnte, fühlte ich mich endgültig angekommen in Lyon.

Die Stadt vor meinen Füßen