ordnung und bildung

gestern überkam es mich, dass ich mal ordnung in mein zimmer und in diverse unterlagen-staple bringen wollte. ich habe wenig stauraum und so kommt es, dass sich auf meinem schreibtisch, auf meinem hocker und auf dem boden mit der zeit immer große papier-berge bilden. ich habe also kontoauszüge abgeheftet, offizielle dokumente zu ihren brüdern und schwestern sortiert und alle kopien und notizzettel der letzten zwei semester gelocht und in einem neuen ordner untergebracht. sehr befriedigend. vielleicht wird man auch deshalb krank: um endlich mal ordnung in den eigenen haushalt zu bringen.

ich war so gut am lochen und einheften, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte und mich über meine alten unterlagen aus tübingen hergemacht habe. dabei ist mir aufgefallen, wie unglaublich viel ich in diesen anderthalb jahren gelesen und wie unglaublich viel zeit ich darein investiert habe. und das gespeist von einem willen, den nichts davon abbringen konnte. und jetzt bin ich fertig mit meinem geisteswissenschaftlichen studium und meine oma fragt: war das jetzt umsonst?

ich weiß, dass es nicht umsonst war, aber es ist schwer, das zu erklären. denn dann muss man erklären was bildung ist. und bildung ist irgendwie auch ein großes rätsel. ich wollte unbedingt philosophie studieren, ich wollte kant verstehen, ich wollte hegel verstehen, ich wollte heidegger verstehen. ich habe im zweiten semester „das erkenntnisproblem in der philosophie und wissenschaft der neueren zeit“ von ernst cassirer durchgeackert und war in den darauffolgenden sommersemesterferien mit fast nichts anderem beschäftigt, als eine hausarbeit dazu mit dem titel „das kausalitätsproblem bei hume und bei kant“ zu verfassen. irgendwann dachte ich: warum tu ich mir das an? aber es musste anscheinend sein. irgendetwas in mir wollte sich da auf biegen und brechen hinein arbeiten. jetzt kann ich die philosophen ruhen lassen. ich habe das gefühl, immerhin den kopf aus dem sumpf strecken zu können, indem ich mich vorher befunden hatte. jetzt denke ich, jaja, der kant, der hat gedacht, was er gedacht hat. wichtiger ist für mich, zu denken, was ich denke.

Freya Lintz

Freya Lintz

24 jahre, studentin, witten.

kontakt: freya.lintz@omnibus.org
Freya Lintz

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ordnung und bildung

Ein Gedanke zu „ordnung und bildung

  1. Florian schreibt:

    mir gefällt wie du schreibst Freya. Klar, eingängig und das Gefühl erzeugend weiterlesen zu wollen. Ich denke geschickte punkt- und kommasetzung erzeugen das u.a. 🙂

Kommentare sind geschlossen.

9. Mai 2017 | 14:55