kochen ohne rezepte

gestern war ich endlich mal beim arzt. und wer sitzt im warteraum? mein alter bekannter andi pandi, mit dem ich in der zehnten klasse auf einer jugendfreizeit in odessa war. er hat mich damals immer müllschlucker genannt. mir war grad vor ein paar tagen aufgefallen, dass ich ihn schon lange nicht mehr an der uni gesehen hatte und ich hatte mich gefragt, ob er überhaupt noch in witten war. er erzählte mir, dass er pfeiffersches drüsenfieber habe – und das seit einem halben jahr. ich konnte es nicht glauben, so ein junger mensch ist ein halbes Jahr – und wahrscheinlich noch länger – lahmgelegt.

mein wittener arzt, von dem ich bisher nicht besonders viel gehalten hatte, entwickelte sich zum wahren forscher, als ich ihm meine symptome schilderte. meine vermutung, es könnte eine nieren-becken-entzündung sein, wies er nach ein paar tests zurück. dafür sagte er: es könnte pfeiffersches drüsenfieser sein.

oh nein. ich bete, dass es das nicht ist. die ganzen schönen dinge in nächster zeit – mein schenken-seminar, das ich mitorganisiere, die wolang-konferenz, mein vater will mit seinen drei kindern über pfingsten wegfahren, ich will meine oma wieder besuchen, ich will mal wieder jammen, ich will weitere stepptanz-schritte lernen.. und dann will ich ja auch die omnibus-tour weiter planen, schauen, für welchen master ich mich bewerben kann.. all das müsste ausfallen oder beiseite gelegt werden.

am abend war ich ganz in koch- und essenslust. ich schaute mir ein paar meiner kochbücher durch und las viele rezepte ganz genau. ich überlegte mir, was ich morgen (also heute) essen wollte und schrieb einen einkaufszettel. pellkartoffeln mit spinat sollten es sein und die liebe brigitte brachte mir heute alle zutaten und noch mehr.

das schöne am kranksein ist: man kann endlich jahrelang liegengebliebene bücher lesen. so vertiefte ich mich heute in otl aichers „schreiben und widersprechen“, das mir werner und jan vor fast zwei jahren zum geburtstag geschenkt hatten. „die welt als entwurf“ und „analog und digital“ hatte ich schon gelesen, aber was ich hier las, gefiel mir besonders. otl aicher erzählt in diesem buch in essays von seinem leben in der autonomen republik rotis, von ihrem gemüse- und ihrem kräutergarten, von ihren obstbäumen, von ihrem fluss, der ach, von den schwalben, die immer im mai zurückkehren, von den kleinen, bescheidenen, unauffälligen rosen, von ihrem eigenen „wassenkraftwerk“ und einen abschnitt in kochen ohne rezept fand ich so süß und liebenswert, dass ich ihn hier teilen möchte:

„der tag ist zu ende. man darf alle viere von sich strecken. man darf locker lassen, man darf seine spannung lösen. man darf seinen druck ablassen. man nimmt sich selber wahr. man darf sein, wie man ist, und macht sich selbst ein kleines geschenk, man geht an den kühlschrank und sucht etwas, was das herz begehrt, wonach es einen gelüstet.

ja was soll es denn sein? ich stehe in der küche, schließe die augen und denke darüber nach, ja was möchtest du denn, was würde dir denn schmecken, worauf hättest du lust, ganz von innen heraus lust? ich höre und fühle in mich hinein bis in die magengegend. ich bin überzeugt, daß jeder mensch einen andern magen hat, seine eigene chemie und deshalb etwas ihm eigenes sucht.“

kochen befriedigt bei mir ein ganz tiefes bedürfnis. mich mit den gemüsen zu beschäftigen, sie schälen, sie schneiden, sodass ich ihr inneres sehen kann, ist wie meditieren. deshalb koche ich fast jeden tag. es ist meine verbindung zum boden, zur erde. ich denke öfters an meinen tübinger winter zurück, als ich abende lang am küchentisch saß und äpfel schälte, zerkleinerte und zu apfelmus verkochte. es waren äpfel von dem grundstück meiner großeltern im elsass und die ernte war diesen herbst sehr reich gewesen. dieser naturalien-reichtum fehlt mir hier manchmal im ruhrgebiet. der wittener markt ist nur ein kleiner ersatz. ich bin ein allesesser, ich mag jedes gemüse und jedes obst, es gibt keinen geschmack, den ich nicht ertragen kann. kohl aller arten, pastinaken, sellerie, rosinen, um nur die unbeliebtesten zu nennen. vom geschmack her würde ich wahrscheinlich auch jedes fleisch essen können – ich habe schon als kleines mädchen blutwurst gegessen und hirschzunge probiert, das beweist das. mein magen ist also sehr tolerant. er kann alle sorten und ethnien leiden. meine akzeptanz aller möglichen menschen, seien sie behindert, zurückgeblieben, langsam, schnell, ganz gescheit, talentiert oder langweilig beruht also auf einem ganz tiefen grund.

Freya Lintz

Freya Lintz

24 jahre, studentin, witten.

kontakt: freya.lintz@omnibus.org
Freya Lintz

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Ein Gedanke zu „kochen ohne rezepte

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5. Mai 2017 | 18:14