Kafka pastellfarben

Vor ein paar Tagen war ich in der Shinjuku City Hall. Anmelden des Wohnortes und der öffentlichen, obligatorischen Krankenversicherung in dem mir zugeteilten „Rathäußle“.
Zur Orientierung: Shinjukus Bahnhof ist der meistfrequentierte Bahnhof der Welt, ganz Berlin steigt hier täglich (!) um. Und die Olympischen Spiele 2020 kommen erst noch oben drauf.
Ein paar japanische Kommilitonen hatten uns (zum Glück) geholfen beim Ausfüllen der Formulare, zuvor. Etwa zehn Schalter waren nebeneinander platziert, vereinzelt hatten Mitarbeiter einen weißen Gesichtsschleier bzw. eine Maske an, vermutlich um uns oder sich vor Ansteckungen zu schützen. Die Hände der MitarbeiterInnen wetzen über die Papiere und füllten die restlichen Lücken manuell aus. Mir erschienen im Vergleich dazu die Szenen an den Schreibtischen der Sachbearbeiter zuhause vor dem inneren Auge, die (meist rasant) in die Windows-Computer, noch aus „XP-Zeiten“, tippen.
Hinter den Schaltern bekam der große Raum nochmal einiges an Tiefe und es eröffnete sich das Labyrinth eines Großstadtbüros mit vielerlei Trennwänden, vor einer großen Wand, die voll war mit Nähten von Akten und Unterlagen, dominierende Farbtupfer: Rosa-, Grün-, Blau-Pastell.

Während der angegebenen Wartezeit (die vollkommen exakt war), blätterte ich in Infobroschüren rum, die sehr wichtige Themen der öffentlichen Ordnung behandelten. Kontrastiert mit liebevollen Zeichnungen – als hätten sich alle heimlich darauf geeinigt, dem ganzen Zirkus ein bisschen Ironie mitzugeben.

Ich frage mich, wie sich Josef Ks Process in Tokyo angefühlt hätte.

Enoch

20, studi, 世界人, erfurt.

kontakt: enoh.tabak@uni-Erfurt.de

Letzte Artikel von Enoch (Alle anzeigen)

Kafka pastellfarben
21. September 2017 | 7:40