Jule, Lucie und Toni Erdmann

Gestern bin ich nach einer Woche Omni-Pause wieder in den Omnibus eingestiegen. Und zwar in Bonn. Lucie Gott aus Bremen tauchte auch gleich auf und Jule Ulbricht aus Berlin ein bisschen später. Beide wurden über Joana angeworben, die bei unserem „democreate-Treffen“ im April dabei war, aber es bisher selbst noch nicht geschafft hatte, einmal am Omnibus mitzufahren.

Sie sind heute beide gleich gut in die Arbeit reingekommen und haben fleißig FörderkandidatInnen gesammelt. Sie studieren beide Kulturwissenschaften und ich studiere ja Kulturreflexion und so war es kein Wunder, dass wir uns z.B. intensiv über das Christentum, das Leiden der Christen, den Islam und verschiedene kulturelle Verhaltensweisen unterhielten.

Ich hatte heute interessante und lange Gespräche, dafür nicht so zahlreiche. Mein erster längerer Gesprächspartner lobte mich mit den Worten, ich hätte ihm „wohltuend Paroli geboten“. Ein junger, mir aus dem Nahen Osten scheinender Mann, der aber in Deutschland aufgewachsen war, stellte mir unglaublich viele Fragen, schien sich aber eher in einer Art Beobachterposition aufzuhalten. Und dennoch trug er sich am Ende des Gesprächs in die FörderkandidatInnen-Liste ein. Er erinnerte mich sehr an Kolja, in seiner Art wie er guckte. Mein letzter längerer Gesprächspartner war ein junger Schnösel. Er studierte sicher Jura oder Wirtschaftswissenschaften. Er versuchte mir alle möglichen Prognosen oder Wahrscheinlichkeiten aufzuzeigen und erklärte mir etwas von Faktoren und Kurven. Seine Haltung brachte mich leicht in Rage, aber solche Gespräche bringen mir wirklich Spaß, da ich dabei meine Streitlust ausleben kann (das mache ich ja sonst nicht oft).

So verging der Nachmittag im Fluge. Gleich nach dem Abendessen gingen ich und Werner in den Kinofilm „Toni Erdmann“, von dem ich schon seit der Pfalz-Tour geschwärmt hatte. Hätte ich mal lieber nicht, denn so waren die Erwartungen sehr hochgeschraubt und Werner gefiel der Film im Endeffekt überhaupt nicht. Das fande ich sehr schade, denn ich hatte mich schon darauf gefreut, mit ihm über den Film fachsimpeln zu können. Aus meiner Sicht ist es eine sehr reale Geschichte, solche Menschen kann es wirklich geben. Es kommt mir so vor, als würde ich ihnen auf der Straße begegnen, so fein und unplakativ sind für mich die Charaktere zu erfahren. Als ich den Film das erste Mal mit meinem Vater angeschaut hatte, war ich hin- und hergerissen zwischen lachen und weinen.

Für mich ist es ein Film über Entfremdung und mich interessiert das Thema so sehr, dass ich mir überlege, darüber meine Bachelorarbeit zu schreiben.

Freya Lintz

Freya Lintz

24 jahre, studentin, witten.

kontakt: freya.lintz@omnibus.org
Freya Lintz

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Jule, Lucie und Toni Erdmann
12. September 2016 | 23:33