Der Haag

Da verbringe ich gerade ein paar Tage im Rahmen einer Studienfahrt.

Wir haben ein sattes Programm, das uns die ganze Bandbreite und Ambivalenz dieser „Stadt des internationalen Rechts und Friedens“ gibt.

Im ICC (International Criminal Court) konnten wir einer Anhörung gegen Dominic Ongwen, einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus Uganda und ein ranghoher bei der LRA (Lord Resistance Army), beiwohnen, die mich bis ins Mark getroffen und berührt hat. Wenn ich die kurze Einführung zuvor richtig verstanden habe, dann war der jetzige Anwalt Ongwens auch ein Kindersoldat der LRA gewesen, bevor er fliehen konnte, tagsüber in Uganda zur Schule ging und nachts an möglichst öffentlichen und beleuchteten Plätzen schlief, um sich wenigstens ein bisschen zu Schützen. Durch ein Studium in England wurde er dann zu einem Top-Anwalt, der sich jetzt ständig mit der Frage konfrontiert sieht, warum er denn ausgerechnet so jemanden wie Ongwen verteidige. Seine Antwort darauf ist, dass Ongwen (der auch als Kind „rekrutiert“ wurde) nicht die Gelegenheit wie er gehabt habe, in einem anderen Kontext aufzuwachsen.

Eine in den Zeugenstand gerufene Mutter, die dann eine ihr und ihrem Dorf wiederfahrene Grausamkeit schilderte (nach den ersten Wortfetzen der Originalsprache setzte jeweils die Simultanübersetzung ein), wurde zwischendurch fast zärtlich von einem der Richter darauf hingewiesen, auf das Nennen von Namen in ihren Schilderungen zu verzichten. Diese Kollision aus einer rational-abstrakten, auch sinnvollen Erwägung zum Schutz von Personen einerseits, und die so notwendige, sehnsüchtige Gegenwart der Erinnerung an einen Menschen, an Halt, andererseits, ausgedrückt in der selbstverständlichen Nennung des Namens – das zerfetzte mir das Herz.

Tags zuvor waren wir im „Special Tribunal for Libanon“, das in absentia der Angeklagten verhandelt und auch sonst einiges an kafkaeskem zu bieten hatte.

Wir trafen Fachleute, die strikt gegen Amnestien jedweder Art waren, und solche, die so etwas nicht ausschließen wollten und in Erwägungen über transitional justice und auch vor dem Hintergrund ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Traditionen und Haltungen, z.B. zu lebenslangen Haftstrafen, miteinbeziehen wollten.

Eine unbehagliche, aber doch noch reale Dialektik zwischen ‚Gerechtigkeit‘ und ‚Frieden‘.

Neben den üblichen Klonkriegern erlebte ich viele, gerade in solchen Umfelden überhaupt nicht abgestumpfte oder routinierte, sondern sehr wache und interessante Menschen, die sehr kundig, engagiert und geduldig Auskunft gaben, und so hatte ich auch völlig überraschend nicht das Gefühl, dass wir als Gruppe ‚massenabgefertigt‘ wurden. Fast immer wurde die ganze Fülle unserer Fragen geduldig beantwortet, danke dafür.

Gleichzeitig kämpfen viele der Institutionen um ihre Glaubwürdigkeit, und es liegt völlig auf der Hand warum. So gerechtfertigt viele Anklagen aus Situationen in Afrika vor dem ICC auch sind und verfolgt werden sollten, so scheinheilig ist es, dass Fälle in Georgien jetzt mit Ach und Krach als einziges „weißes“ Feigenblatt herhalten sollen. Und die großen westlichen Roben des Schweigens sind sowieso noch ganz im Kleiderschrank.

Ich bin voller Gedanken.

Im ICTY (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia) schloss unser Guide mit einem kurzen Videoausschnitt eines Angeklagten, der auf schuldig plädierte. Wie unendlich viel mehr wert ist so ein Moment gegenüber einer ganzen Maschinerie, die mit mehreren Millionen und Jahren versucht zu einem „ähnlichen“ Ergebnis zu kommen.

Ehrlich zu sich selbst sein.

(wer unter Zeitdruck ist, dem empfehle ich ab 3:20 min einzusteigen)

Enoch

20, studi, 世界人, erfurt.

kontakt: enoh.tabak@uni-Erfurt.de

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Der Haag
4. Juni 2017 | 1:50