briefe schreiben

immer wieder bekomme ich post… von meiner patentante, die mir kuh-postkarten vom niederrhein schickt, meinem freund micha, der seine popel unter der briefmarke versteckt, während er in den textzeilen über die letzte kunst-ausstellung schreibt, die er besucht hat. heute bekam ich post von der stadt.. meine wahlbenachrichtigung ist da. dazu kommen die ganzen emails, die sich in meinem digitalen postfach anstauen, denen ich allerdings nicht so viel aufmerksamkeit schenke wie den analogen varianten.

ein besonders schöner brief, den ich einmal in meiner kindheit bekommen habe, kam mir gestern wieder ins gedächtnis…

als ich noch kleiner war, fiel mir auf, dass jeden morgen dieser gelbe mann mit seinem fahrrad zu uns kommt und meinen eltern kleine papierumschläge in den briefkasten steckt. anfangs dachte ich, dass der mann ein freund meiner eltern sei, der eben ein bisschen komisch sei, weil er gerne gelbe klamotten trug… später fand ich das dann nicht mehr so komisch, als ich bemerkte, dass es noch mehr von diesen gelben männern gab und dass es sogar männer gibt, die gerne orange-farbene kleidung tragen und einmal in der woche unsere mülltonnen entleeren. als ich meine mutter zur rede stellte und fragte, was es mit den gelben männern auf sich hat, sagte sie so etwas wie: ,,die gelben männer bringen uns briefe von unseren freunden.“ ich entgegnete: ,,aber mama, warum bekomme ich denn keine briefe? habe ich etwa keine freunde?“… und am nächsten tag fand ich eine schön-bemalte postkarte im briefkasten, die an mich adressiert war… auf der postkarte stand, dass ich ein ganz liebe freundin bereits gefunden habe… die karte war adressiert von meiner mutter.

ich muss damals so 6-7 jahre alt gewesen sein. heute denke ich mir: ,,das ist genau die geste, mit der ich briefe schreiben will“. und ich fühle mich schlecht, dass ich die briefe, die mir geschickt werden, nie beantworte…

als heute die bereits erwähnte wahlbenachrichtigung kam, dachte ich mir: ,,das ist genau das gegenteil von dem brief meiner mutter“ – diese wahlbenachrichtigung ist sachlich, unpersönlich, kalt, beleidigend… freya hat vor einiger zeit eine vollkommen schlüssige aktion aufgezeigt, indem sie eine wahlbenachrichtigung bunt-bemalt, öffentlich zur schau gestellt hat. im sinne ,,sozialer netzwerke“ fand ich das bei facebook als gelungenste aktion, die ich in meiner zeit dort beobachten durfte…

zurück zum thema.. vor ein paar wochen hat kafka an meine tür geklopft und fragte, ob er mal wieder vorbeischauen dürfe. ich war sehr dankbar über seinen besuch, weil mir kafka immer ein ehrlicher, bodenständiger und entlarvender freund gewesen ist. nachdem wir uns ein paar tage ausgetauscht hatten, sagte er mir eines abends, dass er auch gerne ,,blog-schreiben“ würde – eben weil er die direkte äußerung sehr schätze und ohnehin nie ,,hoffnung auf literarischen erfolg“ gehabt habe. ,,schreiben tut man ohnehin nur für sich selbst“, sagte er, ,,man geht mit sich selbst ins gericht und lässt die anderen daran teilhaben. der adressat ist irrelevant – jeder kann adressat sein, wenn er es lesen möchte!“

kafka erklärte mir dann den reiz des ,,schreibens“ anhand eines ,,umgekehrten briefkastens“:

,,das ist also so, als wäre ein briefkasten nicht von außen, sondern von innen in deine wohnung eingearbeitet. briefe werden nicht von außen eingeschmissen, sondern du wirfst sie von deiner wohnungstür aus hinaus in die welt… du bist der verfasser… der gelbe mann… du hast sie geschrieben und verschickt.. und die briefe haben keinen konkreten adressaten. wer sie lesen wird, weisst du nicht. alles, was du tust, ist die entäußerung deines innenlebens.“

 

,,aber franz… findest du das nicht alles etwas kafkaesk?“ – ,,doch schon, und deshalb ist es auch gut so!“

 

 

Jonas

Jonas

28 jahre, witten
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22. August 2017 | 17:02