MUSIKPHÄNOMENOLOGIE ODER KLASSISCHE MUSIK: brexit

dieses video fahre ich mir in letzter zeit in dauerschleife rein. es eröffnet mir den tag und schließt ihn später wieder ab:

steven isserlis spielt joseph haydns cello-konzert in c-dur… ein brite spielt auf einem italienischen cello das konzert eines österreichers mit einem norwegischen kammerorchester. ich, als deutscher, schreibe nun darüber und darf teil dieser verbundenheit sein.

johannes stüttgen hatte vor zwei monaten einen vortrag bei uns am institut gehalten und meinte bei diesem vortrag ganz beiläufig, dass er die digitaliesierung ,,langweilig“ fände. ich finde sie an dem punkt, wo ich dieses video sehe und höre – wo es jeder sehen und hören kann – äußerst spannend.

wie aber soll ich meinem eindruck, den ich beim sehen und hören habe, überhaupt weitergeben können.. über eine empfindung schreiben, über die ich eigentlich gar nicht schreiben kann?

immer wenn ich musik-stücke gehört habe von cellisten, die ich schätze, habe ich darauf geachtet ,,wie spielt der cellist diese stelle jetzt? welche dynamik.. wo betont der cellist? welches gefühl will er vermitteln? wo wird er langsamer… wo wird er schneller?“ in gewisser weise also sehr analytisch…

als ich letztens mit einer freundin über die ,,interpretation“ von isserlis sprach, waren wir uns beide einig darüber, dass isserlis den haydn sehr ,,leicht“ spiele und ich erzählte ihr, dass ich hier das erste mal das gefühl hatte, dass ein musiker nicht ein stück ,,interpretiert“, sondern dass er die musik ,,er-klingen“ lässt.. also dass er das, was bei haydn in der seele vorging, was diesen dazu bewegt hat, dieses stück zu schreiben, wieder erklingen ,,lässt“. das ist dann wohl, in worte gefasst, meine empfindung.

ich finde es darüber hinaus sehr bemerkenswert, dass steven isserlis ein brite ist… ich kenne es noch von all den meisterklassen von damals, wo sich kinder miteinander gemessen haben, wer welches stück am besten spielen kann… ,,die polen wissen nicht wie man bach spiele“, ,,die holländer hätten ohnehin kein gefühl“ usw. … hahaha, grausam!

meine sentenz beim sehen und hören des videos ist vielmehr: steven isserlis, der brite, wurde zwar in groß-britannien geboren, er spielt das cello eines italieners (stradivari), die norweger gehören gar nicht zur europäischen union und ich will gar nicht zu dieser europäischen union dazu gehören.. aber der moment, wo er haydn er-klingen lässt, ist ein moment, wo er alle nationalstaaten überwindet…

apropos ,,brexit“: das wort ,,europa“ steckt ja auch in ,,eurythmie“ drin… symptomatisch, dass sich in unserem eurythmie-kurs 8 nationalitäten gemeinsam bewegen…

 

Jonas

Jonas

28 jahre, witten
Jonas

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MUSIKPHÄNOMENOLOGIE ODER KLASSISCHE MUSIK: brexit
21. Dezember 2017 | 18:56