Blind vor Kritik

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Vor einigen Wochen war ich bei einem spannenden Vortrag, der von der tollen Hochschulgruppe „Mehr Sprache“ organisiert wurde. Eine junge Frau aus dem Iran hat über „Alltagswiderstand und Religiösität – Wie die junge Generation in Iran ihr Land verändert“ gesprochen. Sie hat den Begriff „Nicht-Bewegung“ ins Spiel gebracht. Die Menschen in Iran haben sich von der „Lösung“ revolutionärer Bewegungen gelöst und suchen andere Wege (z.B. #badhijab, Graffiti), die auch hier bei uns „im Westen“ interessiert aufgenommen werden (dieses Jahr halte ich den Film „Raving Iran“ für ein Beispiel).
In der anschließenden Gesprächsrunde wurde dann auch just thematisiert, dass das ja unter Umständen Imitation westlicher Oberflächlichkeiten sei – ja, auch mir ging das durch den Kopf…Ist ja auch eine Traumvorlage, so eine Nutella-Bar im Teheran feuilletonistisch auseinanderzudividieren, geschweige denn, als eigentliche Reproduktion der Herrschaftsverhältnisse zu dekonstruieren. Arrogant und selbstbezogen. Wieder die willkommene Ablenkung genutzt, um sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Sind wir manchmal blind vor lauter bedeutungsschwangerer, pseudointellektueller, selbstgerechter Kritik? Und vergessen dabei die Möglichkeit interessierter Wahrnehmung, uns an einen gedanklichen Ort einzuladen?

„I don’t know what my path is yet. I’m just walking on it.“
Olivia Newton-John

Könnte ja rein zufällig für jeden gelten, oder?

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Und jetzt das ganze eine Spur deftiger. Vor ein paar Tagen treff‘ ich einen Freund in der Bahn, unverhofft: „Hey, wie geht’s.“ – „Es geht.“ Der Onkel tot. Seit vorhin.
Aleppo, Syrien, Irak, Jemen, ich denke an euch. Und mein Herz fließt als Raum für viele Orte, und Geschehnisse aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gerade nicht ins Bewusstsein gespült sind, hoffentlich groß.
Alle menetekeln wir „und die Welt schaut zu“ vor uns hin.

Schweigen vor Reden, Reden vor Schreiben. Diese rousseausche Hierarchie, hilft die vielleicht? Ich Versuche irgendwie Umarmen da reinzuklamüsern.

Hilflos. Unbewegte Bewegung.

Enoch

20, studi, 世界人, erfurt.

kontakt: enoh.tabak@uni-Erfurt.de

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16. Dezember 2016 | 2:35