Hallo Leute

Jonas, dein Beitrag hat mich voll berührt und du hast mir aus der Seele gesprochen, danke!!

ich werkel derweil gerade an Berichten für das Logbuch der Romfahrt, welches ihr hier finden könnt:

https://www.omnibus.org/projekte/democracy-in-motion-2018-rom/omniblog-rom/

Die zentrale Idee, die mich umtreibt und ganz unruhig macht in den letzten Tagen, und die ihr auch in meinem Bericht aus Bozen findet ist: Lasst uns einen Feiertag und einen Tag des Forderns machen für die diDe. Wenn wirklich 70% der Menschen in Deutschland dafür sind, dann lasst uns das versuchen als physische Präsenz nach Berlin zu bekommen. Geben wir uns ein gutes Jahr, und laden ein, mit dem Omnibus und auch auf anderen Wegen, um gemeinsam herauszufinden: wo lang?

Damit wende ich mich an euch

Hallo Leute

Die schweigende Mehrheit

Für mich ist die Direkte Demokratie dazu da, diese „schweigende Mehrheit“ überhaupt endlich mal kennenzulernen. Mit ihr ohne ideologischen Balast ins Gespräch zu kommen und dabei auch wieder mit mir selber. Wie stehst du zu diesem Thema? -Und wie steh‘ eigentlich ich nochmal dazu? Was wollen wir eigentlich? Was ist für die Zukunft das Wichtigste und warum nutzen wir die bisher einmaligen Ressourcen und Möglichkeiten der Menschheit nicht optimal aus (…) und (wie) geht da noch was?

In der Vergangenheit haben bereits allerhand Idioten die Figur der “silent majority“ ganz dreist ausgenutzt und behauptet, dass diese hinter ihnen stünde – und auch jetzt sind da wieder einige fleißig dabei. Dabei haben wir wirklich keine Ahnung. Und suhlen uns darin auch noch.
Ich möchte die schweigende Mehrheit nicht als ausgenutzte Figur sehen, als vage Masse, sondern auch und gerade jetzt, wo wir alle so verrückt scheinen, den Sprung nach vorne machen – mit direktem Kontakt unser Schweigen reflektieren…
An einem Ort wie Tokyo ist die schweigende Mehrheit in derart unnachgiebiger Weise präsent, dass ich mich, in Besinnung auf eine wunderschöne Geste, die bereits einige wo-lang-Leute eingenommen haben, mit Freu(n)den auf die Spur und genau in diesen Kontakt gegeben habe

– und siehe da, allerlei Wunder sind aus dieser mich umgebenden schweigenden Mehrheit herausgetreten…

Einmal mehr habe ich erfahren, wie unglaublich viel Potential diese Geste hat und würde mir wirklich wünschen das Ausprobieren damit auszuweiten, mit vielen und mit wenigen anderen, ikimashō.

 

Die schweigende Mehrheit

Ando II

Weiter mit einem zweiten Gang.
Wenige Wochen nach meiner Ankunft in Japan hatte bis zum Ende des Jahres die Ausstellung „Tadao Ando: Endeavors“ im National Art Center in Tokyo aufgeschlagen. Das zähle ich im Wechselspiel aus finden und geworfen sein als hypride Form. Erst am letzten Wochenende vor Schluss hatte ich geschafft hinzugehen, hatte mich extra früh auf den Weg gemacht und war bereits 20 Minuten vor Kassenöffnung da:

Immerhin konnte ich in der Warteschlange die breite Streuung in der Demographie der interessierten Besucher feststellen…Die von Tadao selbst kuratierte Ausstellung war fantastisch, und hatte wirklich sehr viele Perspektiven. Zu gerne wäre ich nochmal hingegangen. Es gab eine Installation in Originalgröße der 光の教会, der Church of Light (die übrigens auch in Kansai steht), seinem Büro und vielem mehr.

Dort habe ich dann auch erst erfahren, dass der Skytree, der höchste Turm der Welt, ebenfalls von ihm designt ist, statisch gesehen ein Meisterwerk und als erdbebensicher besungen.

Andere Facetten seiner Arbeit gefallen mir aber viel besser.
Zum Beispiel dieses Onsen in Takarazuka in der Nähe von Osaka:

Ich freue mich schon auf die nächsten Begegnungen. Die Ausstellung hat bereits Hinweise darauf gegeben, dass die schönsten Stücke bis in entlegene Teile verteilt sind.

Ando II

Ando

Über die Zeit hier habe ich mich immer mal wieder auf die Spur eines meiner Lieblingsarchitekten – Tadao Ando – begeben. Stets begleitet hat mich dabei der Gedanke an meinen lieben Freund im Omnibus und es erscheint mir rückblickend auch so selbstverständlich, dass wir bei diesem Künstler eine frühe Gemeinsamkeit gefunden haben.

Gefunden hatten wir sie bei einem unbekümmerten Spaziergang entlang der Nordsee hin zu einem offensichtlich vom 4×4 house inspirierten Haus. Die beste Art unser Warten auf die Überfahrt nach Sylt von Dänemark aus zu überbrücken. Schnell haben wir erkannt, dass in diesem Fall der Meister nicht selbst Hand angelegt hatte und ich habe den Verdacht, dass sich das zu einem noch größeren ironischen Schmunzeln ausweiten wird, wenn ich vor dem Original stehen werde. Bis jetzt ist mir das noch nicht gelungen.

Wenn man durch Tokyo läuft, dann wird man aber ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit in eine Begegnung mit ihm geworfen und dieses Wechselspiel – wer findet wen – genieße ich sehr.

Vor ein paar Monaten war ich in Osaka, dort wo alles angefangen hat für Ando. Osaka wiederum liegt in „Kansai“, dem Westen Japans, der im Vergleich zu „Kanto“, dem Osten bzw. der Region rund um Tokyo, als deutlich extrovertierter und temperamentvoller gilt. Hier sprechen einen die Leute viel schneller an, von hier kommen fast alle Komiker, viele Schauspieler und Künstler. Kobe, Osaka und Kyoto sind der schöne Dreiklang in diesem Teil Japans und liegen nicht mal eine Stunde auseinander, erblühen aber in ganz deutlichen Eigenheiten.
Innerhalb dieses Dreiklangs ist Osaka die industrielle Stadt und hatte im Zuge der rasanten Modernisierung ab dem späten 19. Jahrhundert auch sehr schnell den Spitznamen Manchester verpasst bekommen. Armadas an Touristen murmeln regelmäßig ein bisschen erstaunt, es gebe “nicht wirklich was zu sehen“. Da war es für mich nur stimmig, dass sich für mich in den Vorstädten, die früher ausschließlich, und heute überwiegend von der Arbeiterklasse bewohnt sind, die schönsten Erlebnisse ergeben haben. Und ebenso, dass mich die Spur zu einem der ersten Werke von Meister Ando hierhin geführt hat…

住吉の長屋 [sumiyoshi no nagaya] – das Row House in Sumiyoshi. Ich empfehle jedem,  mal kurz nachzugoogeln… – und halt, wenn ihr zu den glücklichen zählt, die noch gar nichts darüber wissen, und auch keine Idee davon haben, wie es im Inneren aussieht, die seien eingeladen sich auszumalen, wie es denn aussehen könnte! Ach und die die es wissen natürlich auch..!)
Ein anderer Name ist Azuma House (東邸, azumatei)
Noch ein Blick von der Rückseite, die man nur von einem Hof erspähen kann:
Und noch ein paar Eindrücken von der näheren Umgebung, inklusive dieser wohnungsbaulichen Verzweiflungstat gleich in der nächsten Straße, der Kontrast spricht Bände…

Und diese Ader in Richtung Stadt für eine kleine Straßenbahn, auch einen Steinwurf entfernt:

Ando

Sprung ins Erfrischende

Nachdem ich mich immer wieder (geht’s den anderen Schreiberlingen auch so? ) ganz hilflos hab paralysieren lassen wenn ich hier einen neuen Beitrag angefangen habe, Abschnitte verschiedenster Länge bereits getippt waren, be-schweißt (in Tokyo ist nach der kürzesten Regenzeit vielleicht überhaupt seit Aufzeichnung, nämlich nur 1 Woche, eine brütende Schwüle ausgebreitet), blitzartig Sätze reinzuckten und dann wieder das Hadern begann, bis hin dann zum großen Scheinschlusstrost, dem Abspeichern als Entwurf (und da versauert jetzt bereits eine Menge) , habe ich jetzt entschieden einfach wieder ins Nass zu springen. Das setzt bei mir (bestimmt auch getrieben von dem Gespräch mit dem Wetter und der näheren Atmosphäre) diese unzähligen Erinnerungen frei, banal aber konkret, gefühlt abstrakt genauso wie schön und weit, an unzählige Sprünge ins Wasser, von Beckenrändern, Wasserfällen, Meeresstränden.
Nach einem Zögern aus Ungemütlichkeit, Grundlos oder Angst,  der Sprung und platsch, alles vorherige löst sich auf und ich gebe mich der Ursprünglichkeit des Elements hin.

Und die Ursprünglichkeit der Zeilen hier war eigentlich zuerst zu verbinden, einzuladen zu Eindrücken und Assoziationen auf anderen Ebenen und ich verliere wieder zu viele Worte um diese eigentlich sonnenklare Idee auszudrücken. Weg mit der Illusion von „erschöpfenden Berichten“, dafür sind mir die Gespräche und Wiedersehen auch viel zu kostbar, auf die ich mich schon sehr freue.

Deswegen versuche ich bewusst in den nächsten Wochen einfach ein paar knappe Rufe dazulassen die ich analog sowieso immer wieder gerne aufgreifen möchte und kann dadurch für mich vielleicht in den letzten Monaten hier das Geschehene der vergangenen Zeit in neuer Art Revue passieren lassen.
Zum Abschluss ein Bilderrätsel bzw. ein Hinweis auf Kommendes:

Und jetzt begebe ich mich super erfrischt mit der Maus hin zum Button. Klick.
またね。

Sprung ins Erfrischende

40 Millionen Sekunden

Aus verschiedenen Gründen meide ich für gewöhnlich Rolltreppen und Aufzüge, erst recht wenn es immer noch (penibler Brandschutz sei dank?) so gut wie immer die klassische Alternative gibt. In Tokyo hat sich mein Blickfeld auf diese Dinge ab und zu von „Komfort“ zu „(logistische) Notwendigkeit“ verschoben (mal ganz abgesehen davon, dass ich durch physische Zwänge diesen Schwenk jederzeit und in Zukunft hätte erfahren können).

Stock 1-3 von 13 meines Fakultätsgebäudes in der Uni

Wenn ich in dieser Zeit in einen oft gut gefüllten Fahrstuhl steige, habe ich immer wieder beobachtet, dass vorne am rechten Rand unseres Quaders ein Passagier, den die menschliche Diffusion an diese Rolle getragen hat, flexibel die Rolle des Fahrstuhljungen übernimmt und aufmerksam-intuitiv die Tür schließen / Tür offen halten -Schalter betätigt. Oder, dass in einem zig-geschossigen-Gebäude ein einzelner Insasse der zum Beispiel von ganz oben kommt bei Aussteigen nach Öffnen der Türe* bereits den Tür-schließen-Knopf drückt (wenn draußen niemand steht) um die „Weiterfahrt“ nach ganz unten, wo bereits Leute warten, nicht zu verzögern. Es sind Sekunden die so gespart werden, wofür ich in meinem gegenwärtigen persönlichen Rhythmus zum Glück keinen Bedarf habe, und die mir zuerst als völlig überzogen und als Sinnbild für schlechten Stress und Zeitdruck dienten.
Aber dann kam mir, hier selbstverständlich, wieder die Scale einer solchen Geste in den Sinn. Es sind 40 Millionen Leute die das machen, also 40 Millionen Sekunden in dieser Stadt, 463 Tage oder X anderer Einheiten von Zeit, die uns alle irgendwie verbindet.
Wohin geht sie?

_____________
*das „e“ an dieser Stelle ist bereits als Schwäbisch erkannt und weiter als bewusstes Stilmittel eingesetzt…

40 Millionen Sekunden

Das hier ist Mut.

Mir passiert das immer mal wieder, dass sich mir ein Wort oder Konzept im Kopf festsetzt und ich das dann tagelang, zum Glück meist neugierig, manchmal aber auch verbissen, mit mir im Kopf herumtrage, und darüber sinniere. In letzter Zeit ist das „Mut“.
Was in so einer Nachdenklichkeit rauskommt sind oft genug Fetzen, Anfänge, oder eben Erinnerungen. Hier jetzt das Letztere:

Bald ist wieder Abizeit und im Zusammenhang mit dem Thema Mut habe ich vor Jahren eine kleine Geschichte gehört, (keine Ahnung ob, und inwiefern sie wahr ist, das ist auch nur bedingt relevant) die mich immer noch fesselt und begeistert.
Im Fach Deutsch werden in Ba-Wü im Abitur die letzten Jahre 5 Aufgaben/Fragen gestellt, meine ich, von denen eine in jeweils ca. 4 Stunden zu beantworten, bzw. „bearbeiten“ ist. Die ersten vier drehen sich irgendwie über eine der Themen oder „Disziplinen“, die man die vergangenen Jahre in Vorbereitung auf diese schriftliche Prüfung durchegekaut hat: Vergleichende Interpretation von Auszügen aus Sternchenlektüren, Gedichtinterpretation, Texterörterung, u.a.
Die letzte Aufgabe die man wählen kann ist ein freier Essay zu einem Thema oder Wort. Wieder aus der freien Erinnerung, hieß meine Frage vielleicht in etwa so:

Was ist Sehnsucht? Beantworten Sie diese Frage in einem Essay.

In den vorherigen Jahrgängen war einmal die Frage, was Mut sei. Und anscheinend hat jemand seinen – vielleicht spitzen – Stift genommen, folgendes geschrieben

Das hier ist Mut.

und das Ganze, mitsamt weiterer leerer Papierbögen, abgegeben.

Der Erstkorrektor vergab 0 Punkte, der Zweitkorrektor 15 Punkte (Bestnote) und der bei großen Diskrepanzen nötige Drittkorrektor entschied wieder für die 0.

Herbst oder Frühling? (Datum der Aufnahme: 13.11.2017)
Das hier ist Mut.

Ich bin verliebt

jetzt auch in diese Stadt, Tokyo, bzw. die Myriaden an Substädten, die sich hier auftun, mit so klangvollen Namen wie Shimokitazawa, Ueno, Asakusa, Yanaka, Ikebukuro, Koenji, Takadanobaba (高田馬場 – wenn man die Schriftzeichen wörtlich übersetzt landet man bei etwas wie „Stuttgart“ – passend gleich um die Ecke von wo ich wohne..) oder eben Waseda, zugleich auch Namensgeberin für meine Uni hier.
Überall laden sich kraftvolle Vitalität, Dynamik, ein reges Treiben und inspirierende Ruhe, Stille und Entschlackung zu einem dauerhaften Reigen, in den ich genussvoll eintauche.


Da kommt mir dann auch die wunderbare, besondere Poesie von Yunus zugute, die auch ganz nebenbei von früheren, ob meiner häufigen Neologismen verunsicherten Deutschlehrern verursachte Wunden heilt.

Gestern laufe ich über den Campus, hebe meinen Blick, und siehe da, mir fällt auf, dass diese Bäume die feinen Adern zwischen den Lehrgebäuden säumen – hier sind die meisten Blätter noch grün.

Ich webe schon einen Gedanken, wie ich dann jetzt einen Gruß von Osten zu Osten schicken kann, drehe mich um, und siehe da, finde ein in diesem Augenblick so kostbares Stück vor, was sich umgehend komponieren ließ zu folgendem:

大銀杏andpinkplasticonblackbackround

Und apropos Re(i)gen, irgendwo draußen im Meer hat sich ein Taifun aufgemacht, der am Montag die Küste trifft.

Ich bin verliebt

Wahlkampf in Japan

In Japan stehen nächstes Wochenende Neuwahlen an. Die Zeitungen in die ich mich peu-à-peu reinkämpfe, (noch reicht es leider nicht für Lektüre in Originalsprache) sehen darin vor allem einen Schachzug von Abe, dem gegenwärtigen Premier, die Panik um die geopolitische Lage vielleicht zu seinen Gunsten wenden zu können, denn in den oberen Etagen jagt gerade ein Skandal den nächsten, und er wäre eigentlich dran, zu gehen. Scheinbar die einzige wirkliche Konkurrenz kommt von der Bürgermeisterin Tokyos, deren neue Partei ein ebenfalls sehr sehr konservatives Profil hat, mit der Ausnahme, dass sie nicht an der Atomkraft festhalten will.

Mir hat diese Vorrichtung für die Wahlplakate ein großes Schmunzeln bereitet und ich hab mir vergnügt vorgestellt, wie das in Deutschland aussehen würde… Die geballte Inhaltslosigkeit ganz konzentriert, das wäre dann vielleicht weniger Schmerzhaft, als wenn die ganze Stadt zugekleistert ist und die Mätzchen an den Wahlplakaten die Stöckchen sind, über die die Bewusstseinsebene springt.

Jedenfalls bin ich überglücklich in wie viel ‚Standortspezifisches‘ ich gleich von Beginn an eingetaucht bin. Vieles ist erfrischend, schockierend, inspirierend, schön.

 

 

 

Wahlkampf in Japan