Alle Jura-Studenten zu mir

Der heutige Tag erscheint mir im Rückblick wie eine Art Wiederholung des gestrigen Tages. Motive wiederholten sich.

Wir Omni-Mitarbeiterinnen redeten wieder intensiv über den Islam, vor allem auch, weil mir eingefallen war, dass Lucie ja im Nebenfach Religionswissenschaften studiert, und ich deshalb etwas von ihrem Profiwissen lernen wollte. Das Thema Burka-Verbot ist eine richtige Modeerscheinung, darüber hatte die letzten Jahre nie jemand am Omnibus gesprochen, aber jetzt erhitzt es viele Gemüter. So brachte ich es auch in unsere interne Diskussion, da mich der Islam und kulturelle Erscheinungen, die mit ihm einhergehen, sehr beschäftigen. Ich sehe beides, ich bewundere oft die Menschen der muslimischen Welt für ihre Nähe und Herzlichkeit, sehe es aber sehr ungern, dass sie ihre Söhne über alle Maßen feiern und die Töchter zurückstehen müssen, keine kurzen Hosen tragen dürfen, irgendwann ihre Haar verbergen sollen und keine Liebesbeziehungen vor der Ehe haben dürfen. Am Anfang der Diskussion stellte ich mich auf die Seite der Burka-Verbot-Befürworter, meine Counterparts hatten aber gute Einwände, die mir auch zu denken geben und zu guter letzt lief noch eine Frau, in Burka-Art verschleiert vorbei, sagte zu ihrem Kind „komm Schatz“ und irgendwie störte es mich gar nicht. Ich weiß nur so viel, dass ich die Feiheiten, die ich in Deutschland habe, zu schätzen weiß und nicht aufgeben möchte, dass ich aber sehr sehr sehr froh darüber bin, dass nicht nur deutsche Nasen rumlaufen. Dann wäre mein Leben viel ärmer.

Ich hatte auch wieder genauso viele FörderkandidatInnen wie gestern, auf jeden Fall nicht besonders viele. Es kamen aber leider auch wenige Menschen an den Omnibus. Obwohl der Friedensplatz so ein belebter Platz in Bonn ist.

Und dann wiederholte sich auch das Schnösel-Schauspiel. Ein junger, aufgebrachter Jura-Student wollte mich, diese lächerliche Initiative und die Volksabstimmung richtig auseinander nehmen. Er bedeutete eine richtige Herausforderung für mich, da ich gegen Paragraphen, Empirie, Objektivität ein Gegenbild entwerfen musste, das ohne alle Schutzschild-Fremdwörter auskommen sollte. Ich will, dass alle meine Grundlagen aus meiner eigene Erfahrung erwachsen und von jedem Menschen verstanden werden können. Das war für den Jura-Studenten gefundenes Fressen, denn total subjektiv. Ich wollte ihm demonstrieren, dass wir hier am Omnibus handfestes empirisches Material sammeln, indem ich Werner mit seinen 15 Jahre Straßen-Arbeit mit einem Wissenschaftler verglich, der im Büro Fragebögen auswertete und meinte, dass in 15 Jahren Straßen-Arbeit viel vielschichtigeres und tieferes Wissen gesammelten werden könnte (wie in so einem Gespräch mit Ihnen, Herr Jura-Student). Dieses Bild leuchtet doch unmittelbar ein, aber an der Uni lernst du deinem spontanen Verständnis zu misstrauen und dir einzureden, dass dein Wissen subjektiv sei. Und damit irgendwie falsch. Ich habe das ja auch an der Uni gelernt, es hat mich unzufrieden mit mir und der Welt gemacht und ich habe versucht, mich daraus zu befreien. Deshalb verstehe ich es auch immer als Befreiungsakt, wenn ich ganz hartnäckig gegen „Objektivität“ argumentiere. Die Diener der Wissenschaft tuen mir richtig leid, weil sie sich selbst misstrauen. Die Jura-Studenten brauchen meine Ladung „Subjektivität“, deshalb streiten sie ja auch mit mir.

Kurz vor Schluss kam Leon uns noch einmal besuchen, dann ging es nach Kölle. Hier stehen wir auf dem Severinskirchplatz im Süden der Stadt, hier pulsiert das Leben, besonders nachts. Ich bin sehr gespannt auf morgen.

Freya Lintz

Freya Lintz

24 jahre, studentin, witten.

kontakt: freya.lintz@omnibus.org
Freya Lintz

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13. September 2016 | 22:43