40 Millionen Sekunden

Aus verschiedenen Gründen meide ich für gewöhnlich Rolltreppen und Aufzüge, erst recht wenn es immer noch (penibler Brandschutz sei dank?) so gut wie immer die klassische Alternative gibt. In Tokyo hat sich mein Blickfeld auf diese Dinge ab und zu von „Komfort“ zu „(logistische) Notwendigkeit“ verschoben (mal ganz abgesehen davon, dass ich durch physische Zwänge diesen Schwenk jederzeit und in Zukunft hätte erfahren können).

Stock 1-3 von 13 meines Fakultätsgebäudes in der Uni

Wenn ich in dieser Zeit in einen oft gut gefüllten Fahrstuhl steige, habe ich immer wieder beobachtet, dass vorne am rechten Rand unseres Quaders ein Passagier, den die menschliche Diffusion an diese Rolle getragen hat, flexibel die Rolle des Fahrstuhljungen übernimmt und aufmerksam-intuitiv die Tür schließen / Tür offen halten -Schalter betätigt. Oder, dass in einem zig-geschossigen-Gebäude ein einzelner Insasse der zum Beispiel von ganz oben kommt bei Aussteigen nach Öffnen der Türe* bereits den Tür-schließen-Knopf drückt (wenn draußen niemand steht) um die „Weiterfahrt“ nach ganz unten, wo bereits Leute warten, nicht zu verzögern. Es sind Sekunden die so gespart werden, wofür ich in meinem gegenwärtigen persönlichen Rhythmus zum Glück keinen Bedarf habe, und die mir zuerst als völlig überzogen und als Sinnbild für schlechten Stress und Zeitdruck dienten.
Aber dann kam mir, hier selbstverständlich, wieder die Scale einer solchen Geste in den Sinn. Es sind 40 Millionen Leute die das machen, also 40 Millionen Sekunden in dieser Stadt, 463 Tage oder X anderer Einheiten von Zeit, die uns alle irgendwie verbindet.
Wohin geht sie?

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*das „e“ an dieser Stelle ist bereits als Schwäbisch erkannt und weiter als bewusstes Stilmittel eingesetzt…

Enoch

20, studi, 世界人, erfurt.

kontakt: enoh.tabak@uni-Erfurt.de

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14. März 2018 | 14:22