sommernachtsreflexionen

children of sanchez – dieses lied haben mir meine brüder bei unserem gemeinsamen urlaub vor zwei wochen wieder in erinnerung gerufen. ich habe es selber gespielt, die tiefe, rhythmische posaunen-stimme auf dem cello. mann war ich da stolz. da tauchen erinnerungen an heiße sommerabende kurz vor beginn der sommerferien auf, im großen saal meiner schule, abschluss-konzert des högy-orchesters oder der högy-bigband und das gefühl, etwas großartiges zu erleben, das alles was ich kann und was ich bin übersteigt. zwischen faszination, ehrfurcht, höchstem glücksgefühl und minderwertigkeitskomplex – das ist die teenage-zeit.

es ist ein einmaliges stück, gemacht für heiße sommerabende: rhythmisch aufwühlend und die trompete singt dazu ihr wehmütiges lied.

eigentlich wollte ich vom kongress erzählen. es waren lebendige, wunderbare tage. nicht aufgrund der vorträge, diese fand ich leider bis auf wenige ausnahmen wie den vortrag von otto scharmer wenig inspiriert, sondern aufgrund der vielen begegnungen. als eingefleischter waldi traf ich natürlich einen haufen leute, aber auch neue bekanntschaften ereigneten sich, wie die mit einem nürtinger, der circa zehn jahre vor mir meine schule besucht hatte und mit dem ich ein wunderbares gespräch führte. wunderbar, wunderbar ist die kuh mit pferdehaar. ich glaube, dass ich ihm mut gemacht habe. außerdem haben wir yunus und milena kennengelernt, zwei neue mitfahrerinnen, auf die werner sich freuen kann. unser schenken-seminar kam zu einem guten abschluss und zu allem überfluss war auch die omnibus-crew bester stimmung. für diese zeiten des überflusses bin ich dankbar.

sommernachtsreflexionen

back to the streets

so hatte ich mir das nicht vorgestellt: ich komme am freitag von einer elf stündigen zugfahrt von der cote d´azur in witten an, verbringe am nächsten tag meinen 25 geburtstag, was ja auch immer mit einigen vor- und nachbereitungen verbunden ist und fahre am nächsten nachmittag schon wieder weg. doch zwei eingeplante omnibus-mitfahrerinnen sind ausgefallen und so bin ich mit werner alleine nach gelsenkirchen gefahren. gelsenkirchen ist wohl die ruhrpott-klischee-stadt schlechthin und so kann ich hier intensive regional-kunde betreiben. das hab ich schon im schwabenland gehört: in gelsenkirchen tragen die leute vokuhila, jogginghose, badelatschen, leben nur für ihren fußballverein und von hartz IV. und tatsächlich sagen circa 70 % meiner gesprächspartner, ich lebe von hartz IV. aber die stimmung hier ist gut, alle leute, die am omnibus vorbeilaufen, schauen ihn sich auch an. ich werde so viel gegrüßt, wie in keiner anderen stadt, viele kinder fragen uns auch, was wir hier machen und vor allem viele menschen mit migrationshintergrund. das finde ich oft so schade in vielen städten, dass sich diese menschen nicht trauen uns anzusprechen. aber in gelsenkirchen ist das anders: die mehrheit der passanten hat offensichtlich einen migrationshintergrund, vielleicht sind sie deshalb auch viel selbstbewusster. sie wissen: in gelsenkirchen müssen sie das regeln. werner und ich waren fast ständig im gespräch – so macht die arbeit spaß! und viele gute und lustige gespräche. ein spanier hat mir vorgemacht, wie er als kleiner junge baumwolle gepflückt hat, ein pfälzer aus ludwigshafen war viel zu nett für diese welt, ein ich-weiß-nicht-woher hat werner und mich eingeladen, bei ihm zu essen und zu schlafen und zu duschen und ins internet zu gehen.. da kann man sehen, was passiert, wenn man die grenzen offen lässt – die menschen bedanken sich.  und am besten sind die kinder. man denkt, in so einer stadt wie gelsenkirchen gibt es keine kinder. aber das stimmt nicht. hier springen so viele kinder umher und auch in den kinderwagen werden viele an uns vorbeigeschoben. heute gegen fünf uhr haben zwei kleine jungs (der eine sah asiatisch aus) vor uns auf dem platz fangen gespielt. der eine hat immer gerufen: „fang mich doch, eier-loch!“ also, back to the streets gibt es viel zu entdecken.

back to the streets

Abbafin II

Trotzdem also der Abbafin beschlossen wurde und mir schien, dass sich einige auch innerlich bereit erklärt hatten, das Ganze mal zu verstehen und durch sich durch gehn zu lassen, bekam ich kaum Unterstützung in der Umsetzung, Planung und Bewerbung des Ganzen. Damit hatte ich aber auch schon gerechnet und zog so gut es ging erstmal „einsam“ meine Kreise…
In der Zwischenzeit wurden neue Repräsentanten gewählt. 17 große Revoluzzer (mal wieder), von 19 aufgestellten, mit einer im Vergleich zu anderen Universitäten anscheinend hohen Wahlbeteiligung von etwa 12%.
Auch denen habe ich stets angeboten, doch gemeinsam in die Planung und Umsetzung zu gehen, oder auch bei Fragen, Bedenken und Kritik ins Gespräch zu kommen. Schweigen.
Auch als ich dann die Plakate vorbereitete, ausdruckte und sogar im Büro laminierte (in Vorbereitung eines abkühlenden Gewitters) und in knalligem Sonnenschein auf dem Campus aufhängte.
Ein Freund sagte dankbarerweise zu, mich bei der nächsten Sitzung des ehrenwerten Gremiums zu vertreten, und noch einmal für Nachfragen da zu sein.
Beruhigt und gespannt darauf, was für Vorschläge vielleicht schon in der Zwischenzeit reinflattern würden (ein paar Kommilitonen hatten mir schon von ihren tollen Einfällen erzählt), konnte ich also auf Studienfahrt zum Haag gehn.

Um dort am zweiten Tag zu erfahren, dass das Ganze durch einen kurzfristigen, hysterischen Antrag in meiner Abwesenheit plötzlich abgesägt wurde.
Das wesentliche „Argument“ – Überraschung – war, dass man ja nicht wisse, mit was für Vorschlägen die Studis (die aber sicher einige Wochen zuvor mit großer Weisheit richtig gewählt hatten) aufwarten könnten. Es brauche einen Filter (für die Kreativität…). Und außerdem drohe der Gesichtsverlust und man würde sich als Gremium unnötig unter Druck setzen lassen.
Kenne ich irgendwoher… Im Prinzip ja schon wie die ganz Großen „da oben“, richtig frühreif.

Und jetzt, wo lang? Zuerst hatte ich ziemlich spitzzüngig ein paar Worte aufgesetzt, die ich den Leuten zukommen lassen wollte. Dann aber entdeckte ich etwas viel passenderes:
Mit 5% der Unterschriften der Studierendenschaft kann man ein Thema zur Urabstimmung setzen. Etwa 300 Leute also. Mal schauen ob ich das schaffe. Obwohl ich bis jetzt noch keine Kampfsammel-Erfahrung am Omnibus hatte. Drückt mir die Daumen.

Abbafin II

Abbafin I

Folgendes hatte ich als Idee für uns als Studierendenschaft konzipiert:

 

Nach geduldigen Gesprächen kam es zu einem „Beschluss“ (und diese bescheuerte Terminologie geht mir auf die Nerven, denn damit schließt ja zum Glück meist nichts, sondern fängt hoffentlich gerade erst an, auch wenn da viele noch einer ‚traditionellen Lesung‘ anhaften) im Januar, das doch zu probieren.

ich war schon sehr gespannt, und meine heimliche Vision ist, dass das sogar Schule machen könnte, und andere Unis auch mitmachen, und das wir so mit nicht zu unterschätzendem, selbst gegebenen Kapital, einfach mal sinnlich und neugierig ausprobieren, uns mit den großen Texten die wir Lesen, und Werten, die wir eifrig plappern, zu verbinden.

Zum Beispiel hätte ich richtig Lust, einem affektiven „das-ist-aber-rechtlich-nicht-möglich“ mal in Ruhe auf den Grund zu gehen. Wenn man zum Beispiel versuchen würde Leben zu retten.

Abbafin I

ungewohntes bild

10 jahre lang habe ich so gut wie gar kein cello mehr gespielt, geschweige denn ein konzert gegeben. vergangenen freitag war es dann wieder soweit – ich habe auf dem abschlusskonzert von meinem freund ericsh gespielt.

ericsh hernandez ramirez – das ist so ein typ von der sorte ,,leidenschaftlicher vollblut-musiker“. als der mich gefragt hat, ob ich mit ihm zusammen performen möchte, habe ich sofort zugesagt.

auch für mich war das ganze so eine art abschlusskonzert… wenn ich nämlich zurückschaue auf meine laufbahn als cellist, sehe ich immer nur die wettbewerbe, bei denen ich gegen andere kinder angetreten bin. ich sehe mich in der zeit als jungstudent und wie diese zeit einen kleinen schnösel aus mir geformt hat. irgendwann habe ich nur noch aus dem grund musik gemacht, um besser zu sein als all die anderen kinder, dem cello-professor zu gefallen und meine eltern zufrieden zu stellen. damit will ich abschliessen. denn ich sehe nur wenig zeit, wo ich aus vollem herzen gerne gespielt habe…

der vergangene freitag war für mich abschlusskonzert und lichtblick zugleich. ich habe erfahren dürfen, wie schön es sein kann, wenn man aus vollem herzen miteinander musik macht. ich glaube nämlich, dass ich das über all die jahre verlernt habe…

danke ericsh – das hat sich gut angefühlt!

ungewohntes bild

Der Haag

Da verbringe ich gerade ein paar Tage im Rahmen einer Studienfahrt.

Wir haben ein sattes Programm, das uns die ganze Bandbreite und Ambivalenz dieser „Stadt des internationalen Rechts und Friedens“ gibt.

Im ICC (International Criminal Court) konnten wir einer Anhörung gegen Dominic Ongwen, einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus Uganda und ein ranghoher bei der LRA (Lord Resistance Army), beiwohnen, die mich bis ins Mark getroffen und berührt hat. Wenn ich die kurze Einführung zuvor richtig verstanden habe, dann war der jetzige Anwalt Ongwens auch ein Kindersoldat der LRA gewesen, bevor er fliehen konnte, tagsüber in Uganda zur Schule ging und nachts an möglichst öffentlichen und beleuchteten Plätzen schlief, um sich wenigstens ein bisschen zu Schützen. Durch ein Studium in England wurde er dann zu einem Top-Anwalt, der sich jetzt ständig mit der Frage konfrontiert sieht, warum er denn ausgerechnet so jemanden wie Ongwen verteidige. Seine Antwort darauf ist, dass Ongwen (der auch als Kind „rekrutiert“ wurde) nicht die Gelegenheit wie er gehabt habe, in einem anderen Kontext aufzuwachsen.

Eine in den Zeugenstand gerufene Mutter, die dann eine ihr und ihrem Dorf wiederfahrene Grausamkeit schilderte (nach den ersten Wortfetzen der Originalsprache setzte jeweils die Simultanübersetzung ein), wurde zwischendurch fast zärtlich von einem der Richter darauf hingewiesen, auf das Nennen von Namen in ihren Schilderungen zu verzichten. Diese Kollision aus einer rational-abstrakten, auch sinnvollen Erwägung zum Schutz von Personen einerseits, und die so notwendige, sehnsüchtige Gegenwart der Erinnerung an einen Menschen, an Halt, andererseits, ausgedrückt in der selbstverständlichen Nennung des Namens – das zerfetzte mir das Herz.

Tags zuvor waren wir im „Special Tribunal for Libanon“, das in absentia der Angeklagten verhandelt und auch sonst einiges an kafkaeskem zu bieten hatte.

Wir trafen Fachleute, die strikt gegen Amnestien jedweder Art waren, und solche, die so etwas nicht ausschließen wollten und in Erwägungen über transitional justice und auch vor dem Hintergrund ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Traditionen und Haltungen, z.B. zu lebenslangen Haftstrafen, miteinbeziehen wollten.

Eine unbehagliche, aber doch noch reale Dialektik zwischen ‚Gerechtigkeit‘ und ‚Frieden‘.

Neben den üblichen Klonkriegern erlebte ich viele, gerade in solchen Umfelden überhaupt nicht abgestumpfte oder routinierte, sondern sehr wache und interessante Menschen, die sehr kundig, engagiert und geduldig Auskunft gaben, und so hatte ich auch völlig überraschend nicht das Gefühl, dass wir als Gruppe ‚massenabgefertigt‘ wurden. Fast immer wurde die ganze Fülle unserer Fragen geduldig beantwortet, danke dafür.

Gleichzeitig kämpfen viele der Institutionen um ihre Glaubwürdigkeit, und es liegt völlig auf der Hand warum. So gerechtfertigt viele Anklagen aus Situationen in Afrika vor dem ICC auch sind und verfolgt werden sollten, so scheinheilig ist es, dass Fälle in Georgien jetzt mit Ach und Krach als einziges „weißes“ Feigenblatt herhalten sollen. Und die großen westlichen Roben des Schweigens sind sowieso noch ganz im Kleiderschrank.

Ich bin voller Gedanken.

Im ICTY (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia) schloss unser Guide mit einem kurzen Videoausschnitt eines Angeklagten, der auf schuldig plädierte. Wie unendlich viel mehr wert ist so ein Moment gegenüber einer ganzen Maschinerie, die mit mehreren Millionen und Jahren versucht zu einem „ähnlichen“ Ergebnis zu kommen.

Ehrlich zu sich selbst sein.

(wer unter Zeitdruck ist, dem empfehle ich ab 3:20 min einzusteigen)

Der Haag

gute nacht

die letzten minuten oder stunden habe ich „hang drum“ musik gehört, die mich fort getragen hat, in länder voll wilder natur, berge, felsen, flüsse, büsche.. inspiriert von dem film „my sweet pepper land“. die geschichte spielt in kurdischen gebieten und ist ganz schön hart und grausam. aber die wilde, karge bergwelt ist wunderschön. dort habe ich auch die hang drum kennen gelernt, die einem schon hier und da in fußgängerzonen begegnet ist. sie ist mir heute wieder in den sinn gekommen, da ich gerade ein buch von johannes heimrath über gongs lese. der ton ist so weich und beruhigend, er klopft ganz sanft an deine seele an. da hab ich gar keine lust mehr cello zu spielen – was für ein berserker-ton im gegensatz dazu. hier ein kleiner filmausschnitt, die schauspielerin spielt sogar selbst:

gute nacht

’neue ufer‘

zwei ereignisreiche impulsive wochen liegen nun hinter mir – so viele schöne menschen durfte und darf ich erleben, sodass ich mich das ein oder andere mal kneifen muss um die erlebnisse zu würdigen – zweisiebzehn scheint ein aus der persönlichen perspektive gesehen schönes jahr zu sein und ich fühle mich dabei otter-wohl.

in köln – meinem neuen mikrokosmos – bin ich weich gelandet.

die landung am vergangenen mittwoch war jedoch alles andere als sanft.
meine kollision mit einem abbiegenden silberpfeil ist letztendlich glimpflich verlaufen und ich bin mit wenigen blessuren und einem schrecken davongekommen. ein gebührendes dankeschön möchte ich an dieser stelle meinem neuen rucksack, meiner „schmutz“-wäsche, dem nicht mehr ganz so frischen grünen spargel und den saftigen roten erdbeeren, die den zusammenprall leider nicht überlebt aber entscheidend gedämpft haben, aussprechen.
so schnell werde ich wohl nicht mehr auf einen drahtesel steigen…

das soziale nest, welches sich ein guter freund vom bodensee über die letzten beiden jahre in mühevoller kleinstarbeit aufgebaut hat, nimmt mich warmherzig auf – somit ist von langeweile keine rede und es gilt jeden tag aufs neue die schier grenzenlosen kulinarischen angebote kölns auszukosten – was für mich derzeit der größte luxus ist.

nächste woche werde ich wieder in see stechen und zurück auf die alanus-insel schippern – hoffentlich lässt sich diese aufregende und exotische insel in zukunft als „bewohner“ erkunden – wer weiß was mich in zweisiebzehn noch erwartet.

’neue ufer‘

wolang-reflexion

auf der wolang-konferenz habe ich mich pudelwohl gefühlt, umgeben von omninauten und anderen visionauten. noch schöner wäre es gewesen, die konferenz hätte sich über mehrere, z.b. fünf tage erstreckt, dann hätte ich mehr dieser visionauten ganz entspannt kennen lernen können. besonders schön fand ich die ansprachen von brigitte und kilian und leon. die beiden hätten ruhig noch mehr sagen können, denn sie hatten den wunsch, diese konferenz in die welt zu bringen und dann ist es auch am interessantesten zu hören, was sie zu sagen haben. mir wurde klar, was das konzept „konferenz“ bedeutet: es kommen knapp 200 menschen, man weiß nicht wer, man weiß nicht, welche dynamik sich entwickeln wird, man hat alles vorbereitet und dann muss man sich einfach dem schicksal hingeben und sein kontroll-bedürfnis zurückstellen. ich glaube, mir wäre das eine nummer zu groß – toll das leon und kilian sich da ran getraut haben. sie haben beide auf ihre eigene art eine besondere begabung darin, menschen zu begeistern und menschen zu finden, die gerne mitmachen wollen. die konferenz hätte ja nie in diesem groß-format stattfinden können, wenn sie nicht kommilitoninnen von dieser idee begeistert hätten, sodass ein konferenz-team entstand. außerdem haben sie es geschafft, dass so viele vor allem junge leute nach alfter strömten. das gelang nur aufgrund von freundschaften und weit verzweigten beziehungsnetzen. ich glaube ich habe diese qualitäten, die mit dem unsäglichen begriff „vitamin b“ beschrieben werden immer unterschätzt. in meiner sozialisation habe ich gelernt, dass vor allem leistung zählt. das echte leben lehrt mich eines besseren.

wolang-reflexion